Multiple exposure

Die meisten Bilder meines Portfolios sind Seevögel, besonders oft Seeschwalben. Weil ich sie besonders gerne mag und ich ihren Ruf monatelang vermisse, um ihn dann im ganzen Körper inklusive Nervenprickeln spüre, sobald irgendwo weit entfernt eine von ihnen kräht - ich konnte mir das Zurück-Grüßen oft nicht verkneifen, was schon zu einigen verwirrten Blicken führte …

Ich habe keinen Birdo so aufmerksam beobachtet wie Brand- Küsten- oder Flussseeschwalben. Ich wurde allerdings auch von keinem anderen Vogel so aufmerksam beobachtet (zB aufm 🚽)

Wer die Tiere nicht kennt, wird sie in meinen Bildern in mancher Abstraktion oder einem von mir gewählten Ausschnitt kaum erkennen, vielleicht eine dokumentarische, klar definierte Abbildung bevorzugen. Ich hingegen habe tausende Bilder, Situationen, Erlebnisse von und mit ihnen auf Festplatten, auf Malblöcken, in Holz gebrannt (oder ihren Kot -und damit halbverdauten Heringsduft- an irgendwelchen Klamotten kleben… 🐟).

Ich habe einfach unendlich viele Seeeschwalbengeschichten im Kopf. Ich kann ihre Laute einordnen und erahne am Verhalten, wie ihre Stimmung ist. Manchmal erkenne sogar einzelne Individuen - zumindest die charakterstarken Wächter:innen der Kolonie. Manchmal erscheint ein einzelnes Bild mir also viel zu „banal“, um meiner Vorstellung meiner selbst komponierten Erzählung gerecht zu werden.

Geschichten von stolzen Fischgeschenken bis zu unzähligen toten Vögeln, Widersprüchen und Resignation bei menschlichen Schutzbemühungen, Flauscheküken und kleinen roten Füßen, von ihrer krassen Reise jedes Jahr bis hin zu ihren ästhetischen Balzflügen…

Dieses Bild ist eins, in dem sowohl mehrere Geschichten, wie auch mehrere Belichtungen, also “multiple exposure” stecken.

Geschichten von Herausforderungen, von Bedrohungen, aber auch von Hoffnung. Das Bild fängt die fragilen Momente im Leben der Seeschwalben ein, die immer wieder mit einer Vielzahl von Gefahren konfrontiert sind: Klimawandel, Verlust ihres Lebensraums, Nahrungsmangel, Raubtiere, menschliche Störungen, Vogelgrippe,... Diese Belastungen wirken oft zusammen und verstärken sich gegenseitig, was das Überleben dieser verletzlichen Spezies zunehmend gefährdet.

Das Bild thematisiert für mich auch Zuversicht. Denn es vereint das Ästhetische, Anmutige und Hoffnungsvolle mit dem Krisen- und Schmerzhaften. Es erinnert mich daran, dass selbst inmitten des Sturms Schönheit und Hoffnung möglich sind und der Widerstand ums Leben von einer tiefen, unerschütterlichen Zuversicht getragen wird. Diese Vögel sind in ihrer Resilienz, ihrer Ausdauer, ihrer Leichtigkeit und in ihrem lebendigen Gezanke meine Kraftsymbole. Ihre Widerkehr jedes Jahr lässt mich aufatmen.

Ja, ihr erster Ruf geht immer unter meine Haut.